Haus Nr. 14

Haus Nr. 14

Nun kommt das letzte Haus der Stadtbebauung dran. Es bildet den linken Abschluss der Hintergrundkulisse. Gleichzeitig steht es aber schon so weit im Vordergrund, dass es attraktiv und gut geplant sein sollte. Im Sommer habe ich mich deswegen an die Elbe nach Glückststadt begeben. Die Stadt ist von Zerstörungen im Krieg und im Funktionalismus weitgehend verschont geblieben. So ist sie ein Touristenmagnet mit vielen alten Häusern. Von der wirtschaftlichen und städtischen Gegebenheiten her könnte auch sie ein Vorbild für Müsum sein.

In Müsum steht das Haus direkt hinter dem Gleis, das in den Schattenbahnhof führt. Hier erfüllt das Haus mehrere Funktionen. Als erstes muss es die hintere Ecke in der Hintergrundkulisse tarnen. Hierfür benötigt das Haus eine stattliche Größe. Sie kommt kommt auch dem zweiten Zweck zu Gute. Wenn man von rechts in die Vitrine schaut gähnt die Einfahrt in den Schattenbahnhof als riesiges Loch, was aus dieser Perspektive nicht zu verdecken ist. Mit zwei Häusern rechts und links hoffe ich hier die Blicke abzulenken.

Von den alten Häusern am Hafen von Glückstadt ist der “Alte Speicher“ meine erste Wahl. Er steht am Ende des Hafens an einer Straßenecke, was weitgehend den Gegebenheiten auf der Modellbahn entspricht. Auch hier hat das Haus keinen direkten Zugang zum Wasser. Das Original lässt sich gut ausmessen und ist 13,80 m mal 27 m groß.

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Die Front des Alten Speichers ist kaum verändert. Nur die große Einfahrt links und die ehemalige Werbefläche stören das Bild. Interessant ist die Einfassung der Fenster. Sie erscheint original, weil die Ziegel offensichtlich aus dem gleichen Brand stammen.
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Das Gebäude ist an der Traufseite so lang, dass es trotz 17 mm-Objektiv nicht auf das Bild passt.

In dieser (Modell-)Größe baue ich auch ein erstes Papiermodell und bin beim Aufstellen etwas geschockt. Es erschlägt förmlich die ganze Anlage. Also kürze ich das Gebäude um etwa die Hälfte. Nun kann sieht das ganze schon besser, aber noch immer sehr groß aus.

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Das recht einfache Papiermodell “schwebt“ über seiner Position. Trotz des Kürzens ist das Haus immer noch zu groß. Es ragt bis zu Weichenstellhebel. So kann es nicht direkt am Gleis stehen.

Da ich nicht zufrieden bin, suche ich mir noch eine Alternative. Der Salzspeicher, der direkt am Wasser steht, gefällt mir eigentlich noch mehr, doch erscheint das Dach äußerst schwer zu bauen. Mal sehen, was geht.

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Der Salzspeicher hat direkten Zugang zum Wasser. Die Segelyacht macht es deutlich und lässt mich von einer Wohnung im Haus Träumen. Für den Einsatz auf der Modellbahn ist die Lage durchaus vorteilhaft. Auf der Straßenseite ist das Gebäude nur zweistöckig. Sollte es zu gewaltig wirken, so könnte man es um ein Stockwerk kürzen.

Eine Zeichnung ist schnell gemacht, weil ein Aufmaß der Breite möglich ist. Die Symmetrie im Gebäude erleichter die Arbeit. Auch hier baue ich ein Papiermodell, wegen des komplizierten Daches aber stabiler und präziser aus Pappe.

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Obwohl das frei stehende Original wesentlich massiver als der Alte Speicher wirkt, ist es insgesamt kleiner. Es passt sich besser in die Bebauung auf der Anlage ein.

Zuerst werden die Maße für die Grundplatte ermittelt. Sie hat die Form eines Trapezes mit zwei rechten Winkeln. Es muss so gestaltet werden, dass die Rückwand des Hauses exakt an der Hintergrundkulisse abschließt und gleichzeitig die sichtbare Seitenwand parallel zu Gleis verläuft.

Für die sichbaren Wände benutze ich wie schon beim Haus Nr. 1 die Plastruct 1:200-Ziegelmauer mit der Best-Nr. 91608 (siehe Abschnitt 23.3). Darauf klebe ich die ausgedruckten Baupläne und schneide 25 Fenster- bzw. Lukenöffnungen aus. Sie werden am Sturz rund gefeilt.

Weil die dünne Ziegelwand recht groß ist, biegt sie sich durch. Deshalb klebe setze ich auf die Grundplatte eine zweite etwas zurückgesetzt. Hiermit verstärke ich die Ziegelwand. Die rechte Seitenwand und die Rückwand sind nicht zu sehen. Also schneide ich sie aus einfachem Polystyrol aus.

Die Konstruktion des Daches ist schon kompliziert. Ich beschließe es in zwei unabhängingen Ebenen zu bauen. Für die untere Ebene kopiere ich die Grundplatte und baue einen “Dachstuhl“. Die Sparren kontruiere ich am PC und drucke sie mehrmals aus. Den Ausdruck klebe ich auf eine Polystyrolplatte und schneide immer gleiche Stücke auf. Auf diese Weise bekomme ich exakte Bauteile.

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Der Dachstuhl besteht aus einfachem Polystyrol. Der graue Fußboden wird noch holzfarben übermalt. Ich habe doch glatt vergessen, dass ich für Epoche I baue. Da ist Estrichbeton fehl am Platz.

Die Dachplatten passe ich vor Ort an. Zuerst klebe ich unter die Dachgrundplatte ein paar 1 mm dicke Polystyrolstücke, damit ich einen Dachüberstand erhalte. Dann schneide ich einen passend hohen Streifen aus der Kibri-Dachplatte. Ihn halte ich gegen den Dachstuhl und an der Ecke das Lineal dagegen. Dort markiere ich den Stoßpunkt und kann nun die Schrägung abschneiden. Das klappt erstaunlich gut, so dass nur wenig Schleifarbeit zum Anpassen übrig bleibt.

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Das untere Dachgeschoss

Nachdem der untere, steilere Teil des Dachs fertig gestellt ist, schneide ich eine neue Grundplatte und wiederhole die oberen Arbeitsschritte für das Walmdach. Es wird etwas groß und schief, so dass ich lange Schleifen muss, bis es ein vernünftiges Maß erreicht. Nachdem die beiden Dachteile zusammengeklebt sind, baue ich die Gaube und klebe sie auf.

Während ich das Dach bastele, fällt mir auf, dass die Hafenarbeiter gar nicht in den Speicher kommen. Es fehlt eine Eingangstür. Also gehe ich noch einmal die Fotos vom Original durch. Hier gibt es lediglich einen Eingang auf der rechten Seite. Die Tür ersetzt das mittlere Fenster im Erdgeschoss, was in meinem Speicher der 1. Stock ist. Weil der Eingang auf der rechten Seite nicht einsehbar wäre, baue ich ihn an die Vorderseite. Dazu vergrößere ich das Fenster unten links zur Tür und baue eine Treppe aus einem Super-Detail-Set vom Hamburger Modellbaubogen Verlag, worin eigentlich Ätzteile für Papierschiffe enthalten sind.

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Die Treppe besteht aus drei Bauteilen, die ich aus zwei Super-Detail-Sets zusammen suche.
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Die fertig zusammen gelötete Treppe. Die beiden Geländer stoßen nicht ganz exakt zusammen. So habe ich die Geschosshöhe angepasst. Diese Ungenauigkeit fällt nur in der etwa zehnfachen Vergrößerung auf dem Bild oben auf.

Wenn schon eine Treppe gebaut wird, dann soll die Tür auch offen stehen. Doch wäre es sehr ungesund, wenn der Arbeiter ins schwarz gestrichene, leere Innenleben des Gebäudes fiele. Also muss ein Boden eingezogen werden. Er besteht aus einer 1,5 qcm großen Platte, die aufgeständert auf den Boden geklebt wird. Die Ränder tarne ich mit ein paar Kisten aus einer 20 Jahre alten Preiser-N-Packung.

Weil ich schon dabei bin, baue ich auch gleich einen kleinen “Innenbalkon“, der hinter die Ladetür im 1. Stock geklebt wird. So kann ich später eine Ladeszene mit dem üblichen Flaschenzug darstellen.

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Die beiden Einsätze für sinnvollen Einblick ins Gebäude

Die Lackierung des Rohbaus und des Dachs erfolgt mit Revellfarben mit Hilfe der Sprühpistole, die Alterung durch Staubfarben. Während ich das Dach sofort nach dem Lackieren mit dem Pulver verschmutze, löse ich für die Mauern wießes Pulver in einem Wasser-Spiritus-Gemisch, das ich mit dem Pinsel auftrage. Mit dunklem Pulver kommen noch ein paar Verschmutzungen dazu.

Jetzt ist die Endmontage an der Reihe. Die Fenster werden eingeklebt und die Vorderwand erhält noch eine Verstärkung mit Abstützung von hinten. Das ist nötig, weil sich die dünne Mauerplatte recht weit zurückwölbt. Dann baue ich noch fünf grüne Türen für die Ladeluken und den Eingang. Fallrohre und ein Ladebalken vervollständigen das Haus.

Die Ladeszene bereite ich schon vor, werde sie aber erst darstellen, wenn das Haus endgültig in die Anlage eingebaut wird. Den Ladebalken schneide ich aus einer fast quadratischen Kiefenleiste, die ich mit Staubfarben altere. Unten klebe ich einen Haken für den Flaschenzug ein. Den Flaschenzug baue ich wieder aus Teilen aus dem oben erwähnten Super-Detail-Set vom Hamburger Modellbaubogen Verlag. Es ist eine Geduldsarbeit. Zuerst schneide ich den Haken aus dem 0,1 mm-Ätzblech heraus, fädele ihn auf 0,3 mm-Draht und fixiere ihn mit etwas Sekundenkleber. Nun müssen diverse Ringe, die weniger als 1 mm Durchmesser haben, aufgefädelt werden. Die Abschlussplatte wird in einer Zange gebogen und als letztes aufgesetzt. Dann kann der Haken mit Sekundenkleber auf dem Draht festgeklebt werden. Mit der oberen Rolle verfahre ich genauso. Weil mir permanent die kleinen Teile wegspringen, benötige ich für diese Arbeit etwa 1 1/2 Stunden. Die Drähte kneife ich noch nicht ab, so kann ich den Haken mit der Airbrush lackieren und verliere ihn nicht. Auch soll der Draht später die Montage des Taus erleichtern.

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Das Super-Detail-Set vom Hamburger Modellbaubogen Verlag: Aus der leeren Fläche oben links habe ich schon die Treppe ausgeschnitten. Der Haken war unten in der Mitte und daneben gibt es mehrere Rollen für Flaschenzüge.
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Der Haken ist fertig zum Lackieren. Das Bild ist eine starke Vergrößerung. Der Draht ist 0,3 mm stark und insgesamt ist der Haken 4 mm lang.
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Das fertige Haus

Die Müsumer Arbeiter sollen eine schwere Kiste in den zweiten Stock ziehen. Dafür müssen sie erst einmal das Tau durch die Rollen des Flaschenzuges ziehen und die Kiste anhängen. Das geschah früher meist durch ein entsprechend großes (Tau-)Auge, das doppelt um die Kiste gelegt wurde. Das eine Ende wurde durchgezogen und an den Haken gehängt. Wurde der Haken angezogen, zog sich das Auge zu.

Zur Darstellung des Flaschenzuges im Modell schneide ich zuerst Nähgarn in entsprechender Länge ab und lege es an einem Ende zu einer kleinen Schlaufe, die ich mit Sekundenkleber fixiere. Ist das überstehende Ende abgelängt, sieht es einem gespleißten Auge schon sehr ähnlich. Dieses hänge ich in den Haken des oberen Blocks (Rolle) ein und fixiere es mit Sekundenkleber. Nun wird das Seil durch die restlichen Blöcke gezogen und der obere Haken eingehängt.

Das Auge, das die Kiste trägt, “spleiße“ ich ebenfalls mit Sekundenkleber. Befestige ich es nun an der Kiste und hänge ich sie an den Flaschenzug, ist das Nägarn viel zu störrisch, um den Eindruck einer schweren Kiste entstehen zu lassen. Also klemme ich das lose Ende des Taus ein und beschwere die Kiste mit einer Pinzette, was das Seil stark strafft. Nun fixiere ich alle Umlenkpunket mit Sekundenkleber.

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Um das Tau zu straffen, sind loses Ende und Kiste beschwert.